Besuch beim Almbauern der Rossalm

Nebelschwaden ziehen über die Hochfläche der Roßalm, Bayern, Deutschland

Nach dem Aufstieg auf den Gipfel des Geigelstein erreichte ich mein Tagesziel, die Rossalm. Sie umfasst rund 50 Hektar und liegt auf einer Hochebene zwischen Rossalpenkopf, Tauron und Weitlahnerkopf auf 1.600 bis 1750 Metern Höhe. Sie gilt damit als höchstgelegene Alm im Chiemgau und auch eine den höchsten Almen in den bayrischen Alpen. Ihre Ursprünge gehen auf die Sachranger Almordnung von 1558 zurück, wo sie als eine der drei Sachranger Uralmen aufgeführt ist. Der Name der Roßalm rührt daher, dass die Schlechinger Samerbauern früher neben den Rindern auch „Samrosse“, d.h. Pferde, auf die Alm treiben durften *. Die Alm ist eine beeindruckende alpine Kulturlandschaft mit einer friedlichen, stillen Atmosphäre.

Almbauer auf einem Traktor fährt mit Brennholz über eine Almwiese der Roßalm, Bayern, DeutschlandNachdem ich in diesem Sommer bereits bei einem Aufenthalt auf der Ackernalm den Alltag von Almbauern kennenlernen durfte, bot sich bei einem weiteren Kollegen erneut die Gelegenheit, einen tieferen Einblick auch in das Leben und Arbeiten auf einer Alm zu bekommen. Der Almbauer Josef ‚Sepp‘ Gröbmeyer ist aktueller Pächter der Rossalm, welche der bayrischen Staatsforstverwaltung gehört. Die Pacht ist schon über mehrere Generation in der Familie. Die Roßalm liegt im Naturschutzgebiet Geigelstein und ist auch Teil des Bergbauernmodell Sachrang, das sich für den Erhalt der Kulturlandschaft einsetzt.

Almbauer in der Almhütte der Roßalm mit selbst hergestellter Butter, Bayern, DeutschlandDas sorgt für einige Auflagen bei der Bewirtschaftung, hat aber auch zur Folge, das bis heute kein Fahrweg den einfachen Transport von Gütern auf die Alm ermöglicht. Auf der Alm ist von ca. Juni bis Ende September das Vieh aufgetrieben, d.h. „bestoßen“, in diesem Jahr 38 Stück Vieh – 27 eigene Rinder und Kälber und ein Ochse sowie 11 Stück von anderen Bauern. Auch das Vieh nimmt beim Auf- und Abstieg den Pfad von der Oberkaseralm unterhalb des Geigelsteins vorbei am Rossalmkopf zu Hütte. Die Milch der Kühe wird direkt vor Ort zu frischer Butter verarbeitet und auch an Wanderer verkauft.

Almhütte der Roßalm, Chiemgau, Bayern, DeutschlandDie aktuelle Almhütte, auch Kaserer genannt, wurde von Josefs‘ Schwiegervater 1951 bis 53 komplett selbst erbaut. Da keine Möglichkeit für den aufwändigen Transport von Baustoffen vorhanden war, wurden die lokalen Rohstoffe genutzt. Für das Bauholz wurden Bäume in der Umgebung eigenhändig gefällt. Mit einer Gattersäge wurden dann die Balken und Bretter vor Ort gesägt. Nachdem das Holzfachwerk errichtet war, wurden die Wände aufgemauert. Auch dafür wurden Steine aus der Nähe verwendet. Um den für den Mörtel und Putz notwendigen Branntkalk herzustellen, wurde am gegenüberliegenden nördlichen Hang ein Kalkofen errichtet. Den Standort erkennt man anhand der abweichenden Vegetation wegen der stärkeren Konzentration des Kalks im Boden auch heute noch als hellen Fleck in der Wiese auf dem Hang (in nordwestlicher Richtung der Hütte). In den 1960-er Jahren wurde dann der große Stall angebaut.

Zwei Frauen im Innern der Almhütte der Roßalm beim Kochen und dem Binden von Kränzen für den Almabtrieb, Chiemgau, Bayern, DeutschlandBei der Ankunft an der Hütte wurde ich wie jeder andere Gast herzlich begrüßt. Heute waren viele der Familienmitglieder der Almbauern anwesend, um den anstehenden Almabtrieb und das Ende der Almsaison vorzubereiten. Neben der Bewirtung der Gäste mit Kuchen und Brotzeiten wurde in der Küche das Mittagessen vorbereitet. Zudem galt es, den Schmuck der Kühe für den anstehenden Almabtrieb, das Kranzkraut, zu binden. Dazu wurden Wacholder, Erika, langstieliger Enzian und z.T. auch Alpenrosen gesammelt und zu Gestecken gebunden. Die Männer waren noch draußen unterwegs, um Brennholz zu besorgen. Dazu werden u.a. Latschenkiefern abgesägt und mit einem Traktor zum Schuppen transportiert. 

Mann auf einem geländegängigen Motorrad fährt über eine Almwiese mit Nachschub an Lebensmitteln zur Roßalm, Bayern, DeutschlandLangsam näherte sich ein Motorrad über den Wiesenrücken. Ich erkannte es schliesslich als jenes, das mir beim Aufstieg entgegenkam. Der Fahrer trug einen prall gefüllten Rucksack. Links und rechts waren zwei große Packtaschen an der Maschine angebracht. Er war hoch konzentriert, die Balance zu halten und Bodenunebenheiten möglichst sanft zu überwinden, um die empfindliche Fracht zu schützen. Es ist der Sohn des Almbauern, der auf diese Weise Nachschub an Getränken und Lebensmittel transportiert – an diesem Tag auch eine große Anzahl Bierflaschen. Die Enduro leisten schon seit einigen Jahrzehnten zuverlässig ihren Dienst – in diesen Regionen benötigt man robuste Werkzeuge und Maschinen.

Almbauer musiziert auf seinem Akkordeon in der Hütte der Roßalm, Bayern, DeutschlandZum Mittagessen versammelt sich eine große Gemeinschaft, über drei Generationen vom Opa bis zum Enkel, im großen Hauptraum der Hütte. Eine kurze Zeit, um auszuruhen und neue Kraft zu tanken, aber auch für Geselligkeit und Fröhlichkeit. Wegen der vielen Gäste schnallt sich Sepp das Akkordeon über und erfreut alle Anwesenden drinnen und draußen mit ein paar Melodien, bevor sich alle wieder den verbleibenen Aufgaben des Tages zuwendeten. Für mich hieß es bald schon Abschied zunehmen und den Rückweg anzutreten. Ich werde sicher nicht das letzte Mal hier oben gewesen sein.

 

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