Besuch von Schloss Neuschwanstein

Touristen fotografieren die Bilder auf einem Werbeplakat für Drucke vom Schloss Neuschwanstein, Bayern, Deutschland

Am letzten Aprilwochenende 2016 lag ein winterliches Tiefdruckgebiet mit für diese Jahreszeit doch ungewöhlicher Kälte und Schneefall über Bayern. Das tolle Panorama mit dem Schloss Neuschwanstein, das auch im Winter ein fantastisches Bild abgibt, blieb den Besuchern an diesem Tag aber hinter Schneeschauern und Wolken versteckt. Um dennoch ein hübsches Erinnerungsfoto mitzubringen, auch wenn sie den Besuch so nicht selbst erlebt haben, fotografieren viele Touristen mit ihren Smartphones die Bilder auf dem Werbeplakat an einem Souvernirladen kurz unterhalb des Eingangs zum Schloss ab.

Welche Motivation steckt dahinter, die typischen, altbekannten und oft kitschigen Aufnahmen zu reproduzieren und auf seinem Smartphone mitzunehmen? Als Andenken – aber an was denkt man dann beim Betrachten? Zum Vorzeigen – hier war ich, auch wenn in der Realität eine völlig andere Erfahrung gemacht wurde? Als Dokumentation, wie es hier aussehen kann – solche Bilder sind im Zeitalter des Internets doch nur einen Klick entfernt? Wie kann man Schloss Neuschwanstein, dass es in jeder Perspektive zigmal abfotografiert erscheint, neu oder einzigartig inszenieren oder ein authentisches Foto erstellen?

Abwendung von der eigenen Wahrnehmung

Ein Ansatz ist, sich mit der Reduktion auf das vermeintlich romantische Klischee des Märchenschlosses und der Einstellung von Touristen auseinanderzusetzen. Fotografierende Touristen zu fotografieren ist an sich nichts Neues, auch die Abbildung von klischeehaftem Kitsch rund um das Schloss wurde schon oft thematisiert. Neu hinzu kommt jedoch die Rolle von modernen Smartphones, die praktische im Vorübergehen Aufnahmen von technisch akzeptabler Qualität ermöglichen, als Fotospeicher auch jederzeit dabei sind und in den meisten Fällen den klassischen Fotoapparat ersetzt haben. In dieser Verbindung spielt die obige Aufnahme auf mehreren Ebenen mit der Erwartungshaltung und dem Druck, unvergleichliche Höhepunkte auf einer Reise zu erleben und festzuhalten. Statt dem direkten, achtsamen Erleben mit den eigenen Sinnen rückt die Abbildung des Erlebten mit dem Smartphone in den Vordergrund, wobei hier die Illusion durch die Inszenierung einer Wirklichkeit durch die Landschaftsfotografen zu einer doppelten Abwendung von der Realität führt – sogar dreifach und im eigentlichen Wortsinn abgewandt, denn das Schloss liegt direkt im Rücken der Personen.

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