Bahnfahrt nach Wien

Die Reise von München nach Wien trat ich nach langer Zeit wieder einmal mit der Eisenbahn an. Das war für meine Konstellation die schnellste, bequemste und günstigste Möglichkeit für mich als Einzelreisenden. So konnte ich wieder einmal den „Lebensraum“ Großraumwaggon erleben.

Die Strecke bot tolle Aussichten auf die Berge und Seen im Alpenvorland von Bayern und Oberösterreich, aufgeschlossene Mitreisende und interessante Gespräche, Zeit für fokussiertes Lesen in einem guten Fachbuch und erstmals auch eine angenehme Unterhaltung durch die Lieblingsmusik aus Noise-Cancelling-Kopfhörern.

Sonnenuntergang über dem Hauptbahnhof von Wien, ÖsterreichDirekt nach der Ankunft am Hauptbahnhof Wien ging ich die wenigen Meter zu meiner nahegelegenen privaten Unterkunft im „The Metropolitan“-Hochhaus, wo ich vom Balkon und der Dachterassse einen fantatstischen Ausblick über Wien und einen leuchtenden Sonnenuntergang über der Stadt erleben durfte.

Es gibt Menschen, die reisen mit leichtem Gepäck. Und es gibt jene, die am Bahnsteig erst einmal eine Zigarette entzünden, als müssten sie vor der Abfahrt noch schnell Frieden mit der Welt schließen. Der Raucher auf dem Bahnsteig gehört schließlich zur europäischen Reisekultur wie der verspätete Zug, der schlecht verständliche Lautsprecher und der Cappuccino aus dem Pappbecher. Während andere nervös auf die Anzeigetafel starren, steht er da wie ein Philosoph der Zwischenräume: halb angekommen, halb unterwegs, eingehüllt in eine kleine private Wolke.

Ein Raucher in der Ecke der Raucherzone auf einem Bahnsteig

Interessanterweise sind Bahnsteige längst streng regulierte Rauch-Biotope. Markierte Zonen und allerlei Verbote sollen die Belästigung der Mitresenden unterbinden. In vielen Bahnhöfen existieren eigens ausgewiesene Raucherbereiche, in manchen – etwa am Wiener Hauptbahnhof – wurde das Rauchen auf den Bahnsteigen inzwischen komplett untersagt. Doch selbst dort, wo Rauchverbote herrschen, scheint der Bahnsteig für viele Raucher eine Art letzte Freiheit vor der Abfahrt zu sein. Vielleicht, weil Reisen immer auch etwas mit Übergängen zu tun hat: zwischen Städten, zwischen Lebensabschnitten, zwischen „noch schnell eine rauchen“ und „wir müssen jetzt wirklich einsteigen“. Und so steht er da, der Mann mit der Zigarette, neben Gleis 7 oder 12 oder irgendwo zwischen Wien und Wirklichkeit.

Unterwegs im Zug von Wien nach München

Zwischen Wien und München, irgendwo hinter der Grenze, taucht der Zug in dieses goldene Abendlicht ein. Gegenüber sitzen zwei ungarische Frauen — Mutter und Tochter vielleicht — still nebeneinander, verbunden durch jene selbstverständliche Nähe, die keine großen Gesten braucht. Draußen ziehen Felder und Seen, Wälder und Bahnhöfe vorbei. Drinnen entsteht für einen kurzen Moment eine eigene kleine Welt aus Spiegelungen im Fenster, müden Blicken und dem warmen Licht der sinkenden Sonne.

Zugreisen haben die besondere Fähigkeit, Menschen für ein paar Stunden in ein gemeinsames Dazwischen zu versetzen. Niemand bleibt. Niemand gehört wirklich hierher. Und doch teilt man denselben Rhythmus aus Schienenklang, Durchsagen und vorbeiziehender Landschaft. Es sind genau diese unspektakulären Augenblicke, die eine Reise lange überdauern: keine Sehenswürdigkeit, kein Monument — nur zwei Menschen im Abendlicht eines Zuges zwischen Ost und West.

 

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